Der Komponist Richard Wagner, der Schriftsteller Thomas Mann und der Naturwissenschaftler Albert Einstein â alle 3 haben eines gemeinsam: Sie sind in ihrer Schulkarriere einmal sitzengeblieben. WĂ€ren diese Genies heute im schulpflichtigen Alter, könnten sie ihre Karriere vielleicht ein Jahr frĂŒher starten. Denn die ersten BundeslĂ€nder verzichten kĂŒnftig auf diese Regelung, die bei schlechten Noten greift. Doch nicht bei allen Gruppen stöĂt die Abschaffung des Sitzenbleibens auf Zustimmung.
Hohe Wiederholungsquote im internationalen Vergleich
Im internationalen Vergleich ist die Quote derjenigen, die eine Jahrgangsstufe wiederholen mĂŒssen, in Deutschland hoch. Jedes Jahr bleiben hier etwa 250.000 SchĂŒler sitzen. 2008/09 scheiterte jeder 50. SchĂŒler in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit seinen Noten an der Versetzung. Die Quote der Wiederholer reicht dabei von 3,6 % in Bayern bis 1,4 % in Baden-WĂŒrttemberg.
In Berlin Wiederholen nur noch freiwillig
Nun hat sich Berlin als erstes Bundesland von der Ehrenrunde verabschiedet. In den neuen Sekundarschulen, die Haupt- und Realschulen zusammenfassen, gibt es ab diesem Schuljahr kein Sitzenbleiben mehr. Wiederholen ist hier nur noch möglich, wenn es entweder auf freiwilliger Basis geschieht oder eine Bildungs- und Erziehungsvereinbarung zwischen Eltern und Schule vorliegt. Peter Sinram von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft meint: âAlle Kinder haben ihr eigenes Lerntempo. Sitzenbleiben fĂŒhrt zur sozialen Stigmatisierung, da es ein Misserfolgserlebnis fĂŒr den betroffenen SchĂŒler ist.â
Punktueller RĂŒckzug
Auch in Hamburg wird das Sitzenbleiben, beginnend mit der 7. Klasse, schrittweise abgeschafft. Bereits dieses Schuljahr gibt es in dieser Jahrgangsstufe keine Ehrenrunden mehr. NĂ€chstes Schuljahr greift die Regelung dann auf die 8. Klasse ĂŒber. Andere BundeslĂ€nder haben die Bestimmungen inzwischen gelockert. In Schleswig-Holstein gibt es Sitzenbleiben beispielsweise nur noch beim Ăbergang von der 6. in die 7. und von der 9. in die 10. Klasse. Um zu vermeiden, dass ein SchĂŒler âhĂ€ngen bleibtâ, bieten mehrere BundeslĂ€nder inzwischen auch NachprĂŒfungen an. Die Meinungen unter den Wissenschaftlern gehen auseinander.
Gegner aus der Wissenschaft: teuer und unwirksam
BefĂŒrworter der Abschaffung betonen, dass es nur in dem Wiederholungsjahr eine empirisch belegbare Verbesserung beim SchĂŒler gibt, die aber im folgenden Jahr wieder verpufft. Die Verfasser einer von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen Studie kommen auĂerdem zu dem Schluss, dass die Regelung âteuer und unwirksamâ sei. Das Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler laut dem Essener Bildungsforscher Klaus Klemm aufgrund des höheren Personalaufwands jĂ€hrlich knapp 1 Mio. âŹ, ohne pĂ€dagogische Erfolge zu zeigen â Geld, das prĂ€ventiv eingesetzt werden könnte. So sind in Berlin im Zuge der Reform die KlassengröĂen von 29 auf 25 Kinder reduziert worden. Durch individuelle Förderung soll potenziellen Sitzenbleibern geholfen werden. FĂŒr sie existieren verpflichtende FörderplĂ€ne und das Programm âDuales Lernenâ, in dem SchĂŒler zur Motivationssteigerung mehrere Tage in der Woche in Betrieben oder SchulwerkstĂ€tten mitarbeiten.
BefĂŒrworter aus der Wissenschaft: Bessere Chancen durch Wiederholen
Zu einem anderen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Rheinisch-WestfĂ€lischen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2004. Basis war die Befragung von 2.500 ehemaligen SchĂŒlern der GeburtsjahrgĂ€nge 1961 bis 1973. Die Quintessenz: âWer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss als vergleichbare MitschĂŒler zu erreichen, die immer versetzt wurden.â Auf diese Studie bezieht sich Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes: âEs ist Unfug zu glauben, mit dem Abschaffen des Sitzenbleibens seien alle Probleme gelöst.â Er teilt die Gruppe der Wiederholer in 1/3 von SchĂŒlern, die mit individueller Förderung erreichbar seien, 1/3 der völlig Ăberforderten und 1/3 der Entwicklungsverzögerten, bei denen das Wiederholen einer Klasse sinnvoll sei.
Nordrhein-Westfalen folgt dieser Richtung und kippt die Wiederholer-Regelung in seiner Schulreform nicht. Die neue rot-grĂŒne Regierung setzt darauf, dass die Schulen aus eigenem Antrieb die bei 2,4 % liegende SitzenbleiberQuote senken â beispielsweise durch die Beteiligung an dem Projekt âKomm mitâ. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, mit verstĂ€rkter individueller Förderung die Zahl der Wiederholer vor allem in den Klassen 7â9 zu reduzieren, ohne dabei die generellen Leistungsanforderungen zu verringern.
WeiterfĂŒhrende Schulen gegen die Abschaffung des Wiederholens
Gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens ist auch die Spitze des Deutschen Lehrerverbandes. Als âpĂ€dagogischen Unsinnâ bezeichnete dessen PrĂ€sident Josef Kraus die Abschaffung des Sitzenbleibens. Seine Kritik: âEine Abschaffung kĂ€me einem Recht auf WohlfĂŒhlschule mit Abiturvollkaskoanspruch gleich.â
Dass die Lehrerschaft in weiterfĂŒhrenden Schulen ĂŒber die Neuerung nicht begeistert zu sein scheint, zeigt sich im Ăbrigen auch in Berlin. Denn neben den Sekundarschulen war auch den stĂ€dtischen Gymnasien die Abschaffung des Wiederholens angeboten worden. Keine der 96 Schulen stellte diesen Antrag.